#VisualThinking: Was sich dahinter verbirgt und wie es die Kommunikationswelt verändert

Der Stift ist ihr liebstes Arbeits- und Denkwerkzeug, statt Kunst ist es dann aber „irgendwas mit Medien geworden“ und mittlerweile lassen sich beide Bereiche doch hervorragend verbinden: Yasmine Cordes, Director Business Development bei Ketchum Pleon schreibt über ihr Leib-und-Magen-Thema: Visual Thinking und warum jetzt die Zeit ist, sich mit diesem neuen Superskill zu befassen.

The Rise of Visual Thinking

Wie Visualisierungen Netz, Medien und Unternehmen erobern. 

IdeaSketches

Sie sind überall: Bei der re:publica gibt es seit mehreren Jahren eine eigene Sketchnote-Session, gezeichnete Filme helfen Strategien von Unternehmen zu erklären, einer der erfolgreichsten TED-Talks basiert auf einer Flipchart-Zeichnung. Bei vielen Konferenzen ist das Graphic Recording Aufmerksamkeitsgarant und Contentlieferant, Visual Facilitation wiederum ist als Arbeitsmethodik für Gruppenmoderationen immer beliebter. Was hat es auf sich mit dem Siegeszug visueller – konkreter: gezeichneter – Inhalte?

In diesem Beitrag geht es zunächst um den „Visual Turn“. Der Begriff verdeutlicht, warum Visualisierungen zunehmend als strategisches Arbeitstool in Medien und Unternehmen eingesetzt werden. Wie es funktioniert und wo der Griff zum Stift helfen kann, wird im zweiten Teil des Artikels „skizziert“. Auf die Stifte, fertig, los!

Bildroll2 Graphic Recording Sketchnotes Graphic Recording Graphic recording

Zum Vergrößern auf das entsprechende Bild klicken.
(Für weitere Bildinformationen siehe Ende des Artikels)

Warum Visual Thinking?

Die Bildflut im Internet ist weiterhin ungebremst. Von Kardashians Rückseite über politische Bildinszenierungen, Infografiken und Content-Memes (#fromwhereIstand & Co.) bis hin zu den wohl niemals endenden Scheckübergaben und Handshakes von Unternehmen, wer nicht mit Bildern kommuniziert, hat das Nachsehen. Die Tatsache, dass Bildinhalte schneller und direkter wahrgenommen werden, ist kein Geheimnis. Entsprechend steigt mit der Informationsflut die Masse und das Angebot von visuellem Content – in der Hoffnung Aufmerksamkeit des Rezipienten zu gewinnen, Aktivitäten zu erhöhen und auch in dem ein oder anderen Algorithmus ein Stück weit nach oben zu klettern.

Wahrnehmung Visual Thinking

Vom Visual Turn ist mittlerweile die Rede, verkürzt gesagt die Dominanz des Bildlichen über das rein Textliche.

Doch nicht nur in der Kommunikation mit Lesern, Usern oder Kunden hat sich die Darstellung der Inhalte optisch aufgerüscht, auch innerhalb von Unternehmen hat sich einiges getan. Die Nutzung von Office-Cliparts scheint weitestgehend überwunden (Hinweis: Stockfotos mit glücklichen internationalen Büromenschen sind die Nachfolger der gemeinen Clipart und ebenfalls zu vermeiden) und auch im Konferenzraum ist rein theoretisch angekommen, dass passende Bilder tatsächlich sinnvoller und emotionaler sein können, als Bulletpoints. Ob Flatdesign, Instagram-Filter-Look oder Freisteller, stilistisch ist alles zu finden, entsprechende Trends kommen und gehen wie in der Mode.

Seit geraumer Zeit erhält jedoch eine spezielle Machart verstärkt Zulauf: Das gezeichnete Bild. Damit sind ausdrücklich nicht professionelle künstlerische Illustrationen, detaillierte Infografiken oder das liebevolle Portrait der eigenen Katze gemeint, sondern gezeichnete Aussagen, Ideen oder Themen. Diese Art von Bildern besitzen noch ein paar zusätzliche Superkräfte, die für die Kommunikationsarbeit ob in Medien oder Unternehmen mehr als hilfreich sind.

5 Gründe für den (Wieder-) Aufstieg in die erste Bildliga

      1. Der blinde Fleck:
        Das Smartphone kann vieles, aber eines noch nicht: Unsere Gedanken und Ideen sichtbar machen. Hier scheitern sowohl Kamera als auch Bildportale. Ausgefeilte Photomontagen, 3D-Renderings und VR-Welten dauern (noch) zu lange und sind zu kostspielig. Für Gedanken und Ideen greifen wir also bislang fast immer noch auf Texte und Präsentationen zurück, die jedoch Zeit und gute Schreib- bzw. Präsentationsfähigkeiten vom Verfasser voraussetzen…
      2. Verfügbarkeit:
        Was wäre aber, wenn wir die Grundlagen eines Gedanken, die Kernelemente eines Problems, den Prozess der Übernahme oder die Grundfunktionen der neuen Website kurz und knackig in einer kleinen Skizze verdeutlichen könnten? Stift und Zettel (wahlweise auch: Bierdeckel oder Servietten) sind überall zu haben…
        Basic Materialien Visual Thinking
      3. Non-Linearität:
        Ein weiterer Vorteil von Sketchnotes & Co ist ihre Non-Linearität. Ideen und Gedanken werden nicht chronologisch (wie bei Word oder PowerPoint) vorgestellt, sondern möglichst auf einen Blick in Kontext und Relation gesetzt und somit ganzheitlicher verstanden. Das non-lineare und dabei visuelle Arbeiten entspricht nicht nur den heutigen komplexen Sachverhalten sondern auch unserer natürlichen Informationsaufnahme und Informationsverarbeitung, denn so funktioniert auch unser Gehirn.
        Visual Thinking
      4. Haptik: Handmade
        Bitte individualisiert, nicht von der Stange, so mit persönlichem Touch… Je mehr die Digitalisierung voranschreitet, desto beliebter scheinen als Ausgleich handgemachte, „unique“ und haptisch erfahrbare Produkte und Tätigkeiten zu werden (siehe auch #bulletjournal oder #handlettering). Vielleicht eine Art Ying- und Yang-Prinzip der menschlichen Erfahrungsvorlieben…
        Visual Thinking Handmade
      5. Konzentration
        Visuell festgehaltene Inhalte führen sowohl beim „Zeichnenden“ als auch beim Betrachter zu höherer Konzentration und Erinnerungsleistung. Ein Grund, warum Visuelle Skills und Methoden auch den Einzug in das Bildungssystem, also in Schulen und Universitäten schleunigst verdienen. Hilft übrigens auch dabei, die Aufmerksamkeit bei Vorlesungen und Vorträgen oder Meetings aller Art aufrecht zu erhalten.Zumindest für eine gewisse Zeit.
        Visual Thinking

Visual Thinking leicht gemacht

Das Prinzip der Visualisierung ist natürlich nicht neu, Höhlenmalerei oder Überlieferungen in Form von Sagen und Geschichten (Stichwort Storytelling) funktionieren nach eben diesem Prinzip. Es geht um schnelle, einfach wahrnehmbare und für alle leicht verständliche Informationsdarstellung. Gerade in unserer Informationoverload-#tl;dr-Gesellschaft ein rares und daher begehrtes Handwerk. Dabei geht nicht um Kunst, sondern um ein „Denktool“, das jeder mit ein bisschen Übung nutzen kann. Eine Ergänzung oder sogar Alternative zur gesprochenen Sprache und zur Schrift. Entsprechend zieht auch nicht das Abwehrargument „Ich kann aber nicht so schön zeichnen“. Denn darum geht es nicht. Im Gegenteil, es kann mitunter sogar hinderlich sein, wenn ein Bild zu schön ist, da dies selten ergänzt, kritisiert oder konkretisiert wird. Man muss schließlich auch nicht wunderschön schreiben können um einen klugen Gedanken zu Papier zu bringen…

Alles was zum Einstieg benötigt wird sind einfachste Zeichenformen, die jeder beherrscht – oder beherrscht hat, bevor er als Kind irgendwann aus Scheu vor Kritik („Das soll ein Elefant sein?“) den Stift zur Seite gelegt hat…

Basics Visual Thinking

Erste Hilfe für Einsteiger:

Anwendungsbereiche in Unternehmen & Medien

Wo genau kann ich jetzt den Stift zücken? Ein paar Anwendungsbeispiele…

Im Unternehmen:

      • In Meetings und Telefonkonferenzen eine Sketchnote der wirklich wichtigen Inhalte anfertigen, in Stehmeetings eine Kurzskizze auf Flipchart aufzeichnen
      • In Workshops an einer Wand mit Metaplanpapier arbeiten und alle Ideen für alle sichtbar dokumentieren (führt zu sehr viel produktiveren Meetings, versprochen!)
      • In Changeprojekten den Prozess als Bild darstellen
      • In interdisziplinären Projekten die unterschiedlichen Perspektiven und Schnittmengen gemeinsam mit dem Team anhand einer Skizze aufzeigen
      • In Co-Creation-Sessions, Design Thinking-Projekten und Brainstormings mit Strichmännchen und einfachen Visualisierungen die eigenen Ideen deutlich machen und weiterentwickeln
      • Den Seitenaufriss des Magazins, die Struktur des Blogartikels, die User Journey im UX-Meeting, etc. scribbeln
      • Den Anwendungsbereichen sind im Prinzip keine Grenzen gesetzt, gerade auch im privaten Rahmen entwickeln sich gerade vielfache weitere Nutzungsmöglichkeiten

Anwendungsbereiche Visual Thinking

Und wie nutze ich es als Content für Medien oder Social Media?

      • Als Video eigene Ansätze, Inhalte oder Strategien sichtbar machen
      • Funktionsweisen von Produkten oder Services durch den eigenen Manager zeichnen lassen
      • Auf Konferenzen und Veranstaltungen Life Visualisierungen nutzen um Content-Snippets zu kreieren (Real Time Visualisierungen)
      • Selber einen Vortrag halten? Wie wäre es nur mit Zeichnungen in der PowerPoint-Präsentation oder zumindest mit einem kleinen Flipchart-Exkurs?
      • Komplexe Themen und Zusammenhänge mit einer Zeichnung durchdenken und erläutern, Fachtexte durch eine Sketchnote zusammenfassen

Inspirationen hierzu gibt es beispielsweise auf Twitter, Instagram, Pinterest und flickr unter #Sketchnotes‚ #VisualThinking, #VizThinking, #GraphicRecording…

#WasMitMedien & Visual Thinking

Was heißt das jetzt konkret, wenn ich irgendwie #wasmitmedien mache?

Sowohl in der Entwicklung und Planung von Inhalten als auch in der tatsächlichen Contenterstellung: Lasst uns nicht mehr damit begnügen zu retweeten und regrammen und kuratieren. Oder mit Smartphonekamera vermeintliche Ist-Zustände zu arrangieren und dokumentieren, abstrakte Konzepte mit austauschbaren Stockfotos zu dekorieren und traurige Powerpoints mit ein paar Bildern „aufzuhübschen“…

Anwendungsbereiche Visual Thinking

Stattdessen wäre es doch mal was, zu zeigen was man denkt (und nicht was man „hat“). D.h. neue, intelligente Gedanken zur Diskussion zu stellen, komplexe Themen, Ideen und Innovationen zu teilen und voranzutreiben. Hierfür ist Visual Thinking und die Nutzung von Sketching als Arbeitstool das Mittel zur Wahl. Buzzwordtechnisch und Tweetkompatibel ließe sich auch sagen: Nach IQ, EQ, WeQ kommt VQ – die Visuelle Intelligenz und damit die Fähigkeit neue Themen Ideen und Innovationen verständlich, greifbar und damit auch umsetzbar zu machen. Unsere neue (besser gesagt wiederentdeckte) Superskill, die nicht nach Branchen, Berufen, Alter oder Medienkanälen unterscheidet, sondern genauso wie Schreiben, Sprechen und Präsentieren in die Grundausbildung – nicht nur von Medienmenschen – gehört. Und unglaublich viel Spaß macht.

 

Kontakt: Yasmine Cordes
Twitter: YacCordes
Instagram: TheVisualEdition
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Bildquellen: Alle Y. Cordes

Bildinformationen erster Textabschnitt:

    1. Sketchen, doodlen, illustrieren: Visuelles Denken greift um sich und kann von jedem angewendet werden.
    2. Graphic Recording: Visuelle Live-Illustration von Veranstaltungen, Kongressen, Tagungen…
    3. Sketchnotes: Die kleines Schwester des Graphic Recordings, persönliche Zeichnungen, die z.B. Vorträge zusammenfassen
    4. Live-Content: Den Sketch direkt nach der Session z.B. auf Instagram oder Twitter teilen
    5. Bunter Nebeneffekt: Sketchers oder Graphic Recorder erkennt man oft an den farbigen Händen…

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